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Epterode

Erntedank 2014 EpterodeKirche EpterodeIn der Kirche zu Epterode bin ich getauft, konfirmiert und getraut worden. Dass dort auch die Trauerfeier für mich stattfinden wird, ist allerdings unwahrscheinlich, da ich inzwischen schon lange im Chiemgau in Oberbayern lebe. Trotzdem fühle ich mich Epterode stark verbunden, wozu die evangelische Kirche einen beträchtlichen Beitrag leistet: Das weithin sichtbare Gebäude, der Klang der Glocken, die Erinnerung an Kindergottesdienste in den fünfziger Jahren (betreut von Tante Lisa und Tante Betty), meine Konfirmation (Pfarrer Philipp), viele Gottesdienste seither, die reformierte Glaubensrichtung – all das ist für mich Inbegriff von Heimat.

In der Chronik Epterode, die von Heimatforscher Hermann Nobel 2007 aus Anlass der 825-Jahr-Feier herausgegeben worden ist, lassen sich interessante Informationen über die Epteroder Kirche finden. Ursprünglich war Großalmerode Filialgemeinde von Epterode, spätestens seit 1732/1733 war es umgekehrt.

Epterode muss laut Vermessungen von Dr. Blumenstein (Chronik Epterode Seite 25) bereits im 11. Jahrhundert über eine Kirche oder Kapelle verfügt haben. Aufgrund der errechneten Ausrichtungsachse vom Kirchenstandort zum sog. Heyligen Kopf (einige hundert Meter östlich des Hohen/Großen Kopfes gelegen) konnte er den Heiligentag (Patroziniumstag; Petri Kettenfeier) der Kirche auf den 1. August 1097, 05.26 Uhr bestimmen. Epterode hat wpid-2014113018133400.jpgdemnwpid-2014113018141900.jpgach eine lange christliche Tradition, die sich möglicherweise aus seiner Zugehörigkeit zum Kloster Hasungen und dem Wirken der Mönche in Epterode ergeben hat.

Von der Existenz einer Kirche/Kapelle im 16.Jahrhundert zeugt die Sandsteinplatte der Altarstufe mit der Inschrift „1596 KS“, die auf einen Kirchenaus- oder -neubau hindeutet. Die Buchstaben K und S bezeichnen die amtierenden Pfarrer Koch (Nicolaus, 1593-1604) und Saurbier (Reinhard, 1589-1593)
(Chronik Epterode, Seite 55).

1733 wurde die heute noch vorhandene Kirche in Epterode fertig gestellt und eingeweiht in der Amtszeit von Pfarrer Johann Ludwig Bernhard Kannengießer, der sich selbst den seine Gelehrsamkeit herausstreichenden Beinamen Stannarius (Kannen- oder Zinngießer) gegeben hat. Aus der in sehr eigenwilligem Latein verfassten Inschrift in der Ostwand der Kirche, oberhalb des Kanzelhimmels, geht hervor, dass die Kirche mit Hilfe von öffentlich gesammelten Spendengeldern (Chronik Epterode, Seite 61) unter der Regentschaft des Landgrafen Friedrich I (gleichzeitig König von Schweden) erbaut worden ist. Pfarrer Kannengießer hat es nicht versäumt, auch seinen eigenen Namen in Stein meißeln zu lassen. Dass Epterodes Einwohner selbst nicht (jedenfalls sind sie nicht erwähnt) zu den Spendern gehört haben, ist vermutlich der Armut der überwiegenden Zahl der damals dort lebenden rund 240 Menschen geschuldet. In seinen Aufzeichnungen aus 1732 hat Pfarrer Kannengießer die Epteröder als „zancksüchtige Nation“ und „Zäncker“ bezeichnet (Chronik Epterode Seite 61), weil sie wegen der Besoldung seines Amtsvorgängers einen Prozess geführt haben. Womöglich hat aber nicht die Streitbarkeit der Epteröder zu dem Prozess geführt, sondern blanke Not.

Hermann Nobels Chronik verdanke ich, dass ich mir nicht länger den Kopf zerbrechen muss, warum die beiden kunstvollen Schnörkel links und rechts von der Kanzelmitte unterschiedlich ausgeführt worden sind. Meinem Empfinden nach hätten sie nämlich identisch sein müssen. Nun weiß ich aber, dass sich an dieser Kanzel zwei Pfarrer mit ihren „Monogrammen“ verewigt haben:

Epterode Bild1

Anfangsbuchstaben, normal und spiegelbildlich, Vor- und Zuname Pfarrer Johann Ludwig Bernhard Kannengießer (Cannengießer), Pfarrer in Großalmerode und Epterode 1731/32 bis 1753

 

 

 

 Epterode Bild2

Anfangsbuchstaben, normal und spiegelbildlich,
Vor- und Zuname Pfarrer Johann Peter Koppen (Coppen),Pfarrer in Großalmerode und Epterode von 1754 bis 1781

Pfarrer Kannengießer hat dieses „Monogramm“ als Amts-/Namenssiegel verwendet, wie auf Seite 142 der Chronik Epterode zu sehen ist. Auf dem Siegel hat Pfr. Kannengießer über den drei Buchstaben eine Krone angebracht, was zur damaligen Zeit üblich war. Vielleicht war die Krone Zeichen einer gewissen Eitelkeit, vielleicht aber auch eine Geste der Ehrerbietung gegenüber dem Landesfürsten.

Epterode Bild3

Zum Vergleich: Siegel Johann Sebastian Bach (1685-1750); von ihm selbst entworfen (gemeinfrei);
z.B. auf Briefmarken der deutschen Bundespost von 1950 abgebildet aus Anlass des 200. Todesjahres.in diagonaler Anordnung nebeneinander gesetzte Anfangsbuchstaben J S B

© Erforschung und Graphiken Hermann Nobel, Wiesbaden (siehe Chronik Epterode aus 2007, Seiten 142/143)

 

 

Auf Seite 63 der Chronik Epterode finden sich Angaben über im Jahr 1737 vorhandene Kirchengeräte. 1738 kauften Pfarrer Kannengießer und Kastenmeister Frantz Göbel (Vorfahr von Ernst Goebel) eine Taufkanne und ließen sich auf ihr verewigen:

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„GEKAUFT
ALS
J.L.B. KANNENGISER
PFARRER
FRANTZ GOEBEL
KASTENMEISTER
ZU
EPTERODE
1738
WAREN.“

Das sehr melodische Geläut der Epteroder Kirchenglocken am Samstagabend und zu den sonntäglichen Gottesdiensten ist für mich der Klang der Heimat. An die Eindrücke bei dem großen und von der Bevölkerung lang ersehnten Ereignis, als die Glocken am 28. März 1955 in Epterode feierlich angeliefert und geweiht worden sind (Chronik, Seite 271), kann ich mich gut erinnern, obwohl ich damals noch keine fünf Jahre alt war. Eine hübsche Glocken-Geschichte am Rande: Ursprünglich waren die Glocken für die Karthäuserkirche in Köln geplant gewesen, konnten dort aber aus Platzgründen nicht eingesetzt werden (Chronik Epterode, Seite 270).

Ilona Grimm