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Hermann Ludwig Sauter

Hermann Ludwig Sauter geb. 27.8.1899, gest. 27.1.1945

Pfarrer in Großalmerode von 1931 – 1945Sauter

Sein Dienst in Großalmerode bedeutet: Brücke zwischen streitenden Brüdern und Widerstand gegen die Herrscher im Dritten Reich.

Wer den mutigen Widerstand des Christuszeugen Hermann Sauter begreifen möchte, kann nicht an seiner Kinder- und Jugendzeit, an den Ideologien, mit denen er als junger Mensch konfrontiert wurde, vorübergehen.

Pfarrer Hermann Ludwig Sauter wurde in Karlsruhe geboren. Er besuchte Vorschule und Gymnasium und wurde 1917 nach dem Notabitur zum Kriegs-dienst eingezogen, in dessen Verlauf er viele Erfahrungen mit dem Tod machte, die ihn tief erschütterten. 1918 nach Kriegsende begann er ein Philologie-Studium. Auf der Suche nach einer tragenden Grundlage für sein Leben beschäftigte er sich viel mit Philosophie und versuchte Strömungen wie Marxismus und National-Sozialismus zu verstehen. Nach seiner Begegnung mit der Bibel als Wahrheit und Wort Gottes entschloss er sich zum Theologie-Studium. Er sah klar die Schuld und Mängel der Kirche, erkannte aber auch schon sehr früh, nämlich 1929, dass sie im Falle einer Herrschaft von Kommunismus oder National-Sozialismus durch Verfolgung bedroht sein würde. So versuchte er mit einer Gruppe gleichgesinnter Studenten nach Gottes Wort zu leben und in der Hoffnung auf Erneuerung in der Gemeinde tätig zu sein. Nach Abschluss des Studiums war er zuerst Hilfspfarrer in Kassel und dann Pfarrer in Kirchberg.

1931 wurde er aufgefordert, sich um das Pfarramt in Großalmerode zu bewerben. Eine schwere Aufgabe! Die früher durch Armut und Alkohol gefährdete kleine Stadt „des guten Tons“ zwischen Kaufunger Wald und Meißner hatte um die Jahrhundertwende unter der Verkündigung und dem seelsorgerischen Einsatz von Pfarrer Holzapfel ein starkes, gemeindliches Leben entwickelt, mit Auswirkungen weit über Großalmerode hinaus. Man sprach von Großalmerode als der „Stadt auf dem Berge“. Durch ungesunde religiöse Strömungen, die zur „Berliner Erklärung“ führten, war das kirchliche Leben erstarrt. Durch persönliche Spannungen hatte sich die tragende Gemeinde in zwei Gruppen gespalten: 1) „Das Vereinshaus“ unter Pfarrer Holzapfel und seinem Beirat, 2) „Bethanien“ unter einem Prediger des Hessisch-Nassauischen Gemeinschaftsvereins. Die Feindschaft war so erbittert, dass selbst Verwandte sich nicht mehr grüßten. Die beiden Gemeinschaften beschimpften und beschuldigten sich, so dass ein gemeinsames Abendmahl nicht mehr möglich war.

Dazu kamen schon 1931/32 die politischen Kämpfe: blutige Saalschlachten der National-Sozialisten und Kommunisten, bis schließlich 1933 mit der Machtergreifung die Gegner brutal verfolgt wurden.

Der Platz für Hermann Sauter war klar: Er trat als einer der ersten in den Pfarrer-Notbund ein, aus dem später die „Bekennende Kirche“ (BK) wurde. Jahrelang war er in deren Bruderrat. „Herr Pfarrer, Deutschland erwache!“, riefen die vorbeimarschierenden Formationen vor dem nicht erleuchteten und ungeschmückten Pfarrhaus ohne Hakenkreuzfahne. Jahrelang musste die Hitler-Jugend, oft unter Protest der Jungen, beim Vorbeimarsch am Pfarrhaus singen: „In Rom sitzt der Papst auf seinem Thron und zu Hause hocken die Pfaffen. Was hat einer deutschen Mutter Sohn mit dem Papst und den Pfaffen zu schaffen!“
Jede Konfirmanden-Stunde wurde durch Lärm in den oberen Räumen gestört und in der Deutschstunde am nächsten Tag angegriffen. Angehörige der kirchlichen Jugendarbeit wurden in der Schule verprügelt.

Herman Sauter stand mit seiner Haltung zum National-Sozialismus zunächst allein; angefeindet und gefährdet. Er fand aber offene Ohren bei persönlichen Gesprächen und offene Türen bei Hausbesuchen. Mit seiner Verlobung 1933/34 und der Hochzeit am 1. Juli 1934 wurde die Not gemeinsam getragen. Im Bußtags-Gottesdienst 1934 fühlte Hermann Sauter sich verpflichtet, die Schuld des Volkes zu bekennen und sie vor Gott zu bringen: Judenverfolgung, geplante Tötung unwerten Lebens, der Mythos des 20 Jahrhunderts. Die Folge: Anklage wegen staatsfeindlicher Äußerungen, Verhöre und am 29.6.1936 eine fünfstündige Verhandlung vor dem Amtsgericht, während das Gestapo-Auto im Hofe für die Verhaftung bereitstand. Der junge Amtsgerichtsrat setzte sich aber sehr für Pfarrer Sauter ein und verhinderte die Verhaftung und spätere Verurteilung. Polizeiwachtmeister Hero Kull, der schon im Februar 1935 eine befohlene Verhaftung unter eigener Lebensgefahr verweigert hatte, informiert Hermann Sauter in einer geheimen Ecke zwischen den benachbarten Häusern über die Telefon- und Briefüberwachung und besondere Gefährdungen.

Es gab inzwischen auch andere treue Freunde, die mit Verständnis und Fürbitte zur Seite standen. Sie brachten heimlich die Hirtenbriefe des Bischofs von Gaalen in Münster ins Haus und holten sie ab. Diese waren neben den geheimen Nachrichten der Bekennenden Kirche eine wichtige Informationsquelle.

Hermann Sauter erlitt kurz nach Weihnachten 1940 den ersten schweren Herzinfarkt.

Schwer lagen auf ihm die Kirchenaustritte, die Not des Krieges und der Bombenangriffe, Stalingrad, der 20. Juli 1944 und die wachsende Not in den Familien mit ihren Ängsten und Verlusten sowie die Not der Flüchtlinge und Sudeten-Deutschen. Aber noch bitterer war die Not der sich immer mehr vertiefenden Kluft in der Gemeinde, welche die Nöte des Krieges und des Ansturms auf das Christentum hätte mittragen sollen. Auf dem Tisch im Amtszimmer lag die Liste der aus der Kirche Ausgetretenen zur täglichen Fürbitte, und an der Wand beim Schreibtisch war eine Abschrift des „Hohepriesterlichen Gebets“ (Johannes 17) befestigt. Jeden Tag betete Hermann Sauter daraus einige Verse. Er versuchte auch über die Allianz mit Baptisten, Evangelische Gemeinschaft, „“Bethanien“ und „Vereinshaus“ eine Einigung.

Im Gottesdienst am Abend des 14.12.1944 verlas Pfarrer Sauter alle Friedensverheißungen der Bibel als einzige Verkündigung. Endlich, am 24.12.1944, geschah das Wunder: Kaufmann Albert Möpps brachte als Weihnachtsgeschenk die beschlossene Rückkehr von „Bethanien“ ins „Vereinshaus“ ohne jede Vorbedingung.

Am 27.1.1945 erlag Hermann Sauter in der Friedhofskapelle während einer Beerdigung einem zweiten Herzinfarkt, nachdem er die Worte Johannes 17, 24 verlesen hatte: „Vater, ich will, dass wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen, denn…“

Die Rückkehr vieler Ausgetretener in die Kirche und die langsame Heilung der zerrissenen Gemeinde geschah nach seinem Tode. Der Kirchenälteste Möpps schrieb über Hermann Ludwig Sauter: „Sein Tod schloss den Riss in der Gemeinde für immer. Eine tiefe Buße fiel auf die Gemeinde. Unvergesslich ist vielen, wie die Gegner Pfarrer Sauters aus dem politischen und aus dem kirchlichen Lager an seinen in der Kirche aufgebahrten Sarg traten, über die kalten Hände des Seelsorgers die eigenen Hände falteten und in Buße und Beugung die Vergangenheit bereinigten durch die Bitte um Vergebung. […]“

Quelle: Auszug aus einer Broschüre des MFB mit dem Titel „Die Freizeit und Tagungsstätte des Missionstrupps Frohe Botschaft e.V. Großalmerode“ vom Jahr 1983 (mit angepasster Rechtschreibung).